Weitere Kürzungen stürzen Hochschulen in die Krise (duz.de)

Griechenlands Unis im freien Fall Weitere Kürzungen stürzen Hochschulen in die Krise

Athen Seit Ende Juni hat Griechenland eine neue Regierung. Die drei Koalitionspartner – Konservative, Sozialisten und Demokratische Linke – wollen für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone arbeiten und Reformen durchsetzen. Die Mannschaft des konservativen Ministerpräsidenten Antonis Samaras steht vor großen Aufgaben....

von Chrissi Wilkens

Auch auf den neuen Bildungsminister Prof. Dr. Konstantinos Arvanitopoulos kommen Herausforderungen zu. Er muss Frieden mit den Rektoren schließen. Die wehren sich noch immer gegen die von der ehemaligen Bildungsministerin Anna Diamantopoulou eingeleitete Hochschulreform.

Die Reform, mit der die Leitungsebene der Unis umgebaut werden soll, indem – ähnlich wie in Deutschland – unter anderem Hochschulräte eingesetzt werden, wurde noch nicht umgesetzt. Für die Mehrheit der Professoren ist sie ein Angriff auf die universitäre Selbstverwaltung. Die griechische Rektorenkonferenz forderte Ende Juni deren Rücknahme. Wird die Reform nicht umgesetzt, läuft Ende August die Amtszeit der Unileitungen aus. Sind bis dahin keine neuen Rektoren nach dem neuen Verfahren gewählt, könnten die Hochschulen ab September ohne Führung dastehen. Arvanitopoulos wird die Amtszeit der aktuellen Rektoren dann wohl bis zum Jahresende verlängern müssen.

Prof. Dr. Theodosios Pelegrinis, Rektor der National and Kapodistrian University of Athens ist besorgt: „Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation. Es gibt ein Phantomgesetz, das nicht umgesetzt wurde. Wir werden aufgefordert, es anzuwenden, aber in Wirklichkeit wird das alte Gesetz umgesetzt, eine Schizophrenie.“ Viele Akademiker setzen nun auf den Minister. Er soll die Reformen ändern. Hoffnungen machen sie sich, weil der neue Staatssekretär im Bildungsministerium, Prof. Theodoros Papatheodorou, als Reformgegner gilt.

Hinzu kommen finanzielle Schwierigkeiten der Hochschulen. Die Universität, die Pelegrinis leitet, sowie andere große Universitäten Griechenlands können sich dank eines Sonderkontos, über das jede Hochschule verfügt, finanziell noch über Wasser halten. Den kleinen Universitäten dürften aber bald die Mittel ausgehen. „Mit dem beschlossenen Schuldenschnitt für Griechenland haben wir noch mehr Verluste erlitten. Die kleinen Hochschulen befinden sich kurz vor der Katastrophe“, sagt Pelegrinis. Denn mit dem Schuldenschnitt im März wurden die Reserven der Hochschulen bei der Bank of Greece abgewertet. Die Hochschulen mussten bei ihren Einlagen auf gut 140 Millionen Euro verzichten.

Anfang Juni hatte die Übergangsregierung die Finanzierung der Hochschulen noch bis Ende August gesichert. Was danach passiert, ist unklar. Bereits im Oktober des vergangenen Jahres erklärten die Rektoren, dass die Hochschulen nicht mehr in der Lage sind, ihre Bildungs-, Forschungs- und Verwaltungsaufgaben zu finanzieren. Unterrichtsstunden werden gestrichen. Aus Mangel an Material kann in manchen Labors nicht mehr unterrichtet werden, klagen Professoren. Mitunter fehle es an einfachen Dingen wie Kopierpapier. Wie hoch die Einschnitte sind, weiß niemand genau. Die Hochschulen klagen über mehr als 50 Prozent weniger Budget seit 2009. Die Regierung schätzt 30 bis 35 Prozent.

Die Einschnitte betreffen sämtliche Bereiche des Hochschullebens. In manchen Mensen wird kein Essen mehr ausgegeben, weil das Personal monatelang unbezahlt war. Voriges Jahr hat das Institut für Staatliche Stipendien (IKY) bekannt gegeben, dass im akademischen Jahr 2011/2012 keine Stipendien für Doktorarbeiten und Aufbaustudien verteilt werden. Die Teilnahme an wissenschaftlichen Konferenzen im Ausland ist ein Luxus, den sich die meisten griechischen Professoren nicht mehr leisten können. Das geht zu Lasten ihrer internationalen Vernetzung und beruflichen Weiterbildung. Einige Professoren versuchen, das aus eigener Tasche aufzufangen. Auch die Gehälter des wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Hochschulpersonals wurden drastisch gekürzt. „Es gibt Mitarbeiter, die nicht mal das für sie Notwendigste mit ihrem Lohn decken können. Wenn jemand 1200 Euro verdient hat und nach den Kürzungen dann nur 800 Euro bekommt, kann er sehr schwer davon leben“, sagt Pelegrinis.

Unter diesen Umständen eine Hochschule zu leiten, wird immer schwieriger. Vor allem ist Pelegrinis besorgt, dass es immer weniger Hochschulpersonal gibt. Viele seiner Fakultäten sind bereits unterbesetzt, an anderen droht der personelle Bankrott. „Wenn ein Mitarbeiter in Rente geht, wird er nicht durch einen neuen ersetzt. Das heißt, das Personal wird nicht erneuert, und dies hat Folgen sowohl bei der Lehre als auch bei der Forschungsleistung“, sagt Pelegrinis. „Die Hochschulen funktionieren nur noch, weil sich die Mitglieder der akademischen Gemeinschaft aufopfern.“

Im vergangenen Jahr wurde kein einziger Wissenschaftler im Hochschulbereich in Griechenland eingestellt. Anfang 2012 waren es weniger als 350, die eine Stelle erhielten. Mehr als 800 Wissenschaftler warten auf ihre Einstellung – manche seit über zwei Jahren, nachdem sie durch ein strenges Verfahren ausgewählt wurden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ins Ausland gehen.
Im Oktober 2010 hat sich eine Initiative nichtangestellter Wissenschaftler gegründet. In einem dramatischen Appell an das Bildungsministerium im März 2012 monierte sie, dass durch das fehlende Personal nicht nur die Hochschulen Probleme bei ihrer Planung haben. Hunderte von Wissenschaftlern seien in ihrer wissenschaftlichen Weiterentwicklung und ihrer Existenz bedroht.


INTERVIEW

Verlorene Akademiker

„Die Abwanderung wirkt wie ein Teufelskreis“

Lois Labrianidis ist Professor für Wirtschaftsgeographie an der Universität von Makedonien. Er meint, dass die Regierung die Bedeutung der Abwanderung von Wissenschaftlern noch nicht realisiert hat.

duz: Herr Labrianidis, laut Ihrer Studie befinden sich bis zu 139.000 griechische Wissenschaftler im Ausland. Was heißt das für Griechenland?

Labrianidis: Dieser Verlust spiegelt die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage wider. Er ist nicht das Ergebnis eines Überangebots von Wissenschaftlern, sondern resultiert aus der geringen Nachfrage nach ihnen. Die griechische Wirtschaft ist nicht auf die Produktion von komplexen Produkten, die auf Wissen basieren, ausgerichtet. Zudem verstärkt die Wirtschaftskrise, die sich in den letzten zwei Jahren zugespitzt hat, dieses Problem. Die Abwanderung der Personalressourcen wirkt wie ein Teufelskreis, der die Aussichten für einen Ausweg aus der Krise verschlechtert.

duz: Laut ihrer Studie haben 41 Prozent dieser Wissenschaftler in führenden Unis weltweit studiert. Versucht Griechenland, dieses Potenzial zurückzugewinnen?

Labrianidis: Leider scheint es so, als ob die griechischen Regierungen bis heute die enorme Bedeutung dieses Verlustes nicht realisieren. Es gibt so gut wie keine Aktionen, um die Wissenschaftler zu einer Rückkehr zu bewegen. Auch werden die Kontakte nicht genutzt, um Kooperationen zu Griechenland aufzubauen.

duz: Glauben Sie, dass diese Abwanderung zunehmen wird?

Labrianidis: Die Flucht der Wissenschaftler wird zweifellos zunehmen. Ich glaube jedoch nicht, dass sie dramatische Dimensionen annimmt – unter anderem, weil sich auch die Volkswirtschaften der wichtigsten Zielländer der griechischen Wissenschaftler nicht auf Wachstumskurs befinden.
Internet: www.uom.gr/rdpru



INFOKASTEN

Griechenland

Die Hochschulen: Mit seinen knapp elf Millionen Einwohnern hat Griechenland 24 Universitäten und 16 Fachhochschulen. Die meisten davon befinden sich im Großraum Athen. Die im aktuellen Shanghai Ranking bestplatzierte griechische Uni ist die Kapodistrian University of Athens. Sie liegt im Bereich 201 bis 300. Private Hochschulen waren bislang nicht zugelassen.

Die Finanzen: Bislang sind die Hochschulen des Landes staatlich finanziert. Für den gesamten Bildungsbereich hat Griechland 2012 rund 2,75 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts vorgesehen. Der OECD-Schnitt liegt bei 6,1 Prozent. Derzeit gibt es 365.000 Studenten an den Hochschulen.


INFOKASTEN

Der neue Bildungsminister

Konstantinos Arvanitopoulos

Der 52-jährige Professor für Internationale Beziehungen ist Mitglied der konservativen Partei Nea Demokratia. Sie bildet gemeinsam mit der Sozialistischen Bewegung (Pasok) und der Demokratischen Linken (Dimar) die neue Regierung. Am 21. Juni wurde Arvanitopoulos als neuer Bildungsminister im Kabinett des Ministerpräsidenten Antonis Samaras vereidigt.

Arvanitopoulos hat an der American University in Washington promoviert. Er folgt der Pasok-Politikerin Anna Diamantopoulou nach. Sie war seit 2009 Bildungsministerin. Arvanitopoulos war bereits stellvertretender Bildungsminister in der Übergangsregierung von Lukas Papademos.

 

 

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